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Über verpasste Gelegenheiten

Frau P. erzählt…
(Aufgenommen und gekürzt wiedergegeben mit der ausdrücklichen Zustimmung von Frau P.)

Das Verhältnis zwischen meinen Eltern und mir war schon seit frühester Kindheit sehr belastet. Als ich vier Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir aus den USA hierher. Unsere Verwandten leben alle in Kansas und der Kontakt beschränkte sich auf meine Grosseltern väterlicherseits, die uns jeweils in den Sommerferien besuchten. Ich fühlte mich in meinen Kinder- und Jugendjahren regelrecht entwurzelt und gar nicht aufgehoben und hatte Mühe, dauerhafte Freundschaften zu schliessen. Ich war meist mit mir selbst beschäftigt und allein.

Aufgrund der eigenen, negativen Kindheitserlebnisse meiner Eltern und der Tatsache, dass beide über viele Jahre unter Stress standen, entstand zwischen mir und ihnen immer mehr Spannung, die sich schliesslich in meiner Pubertät heftig entlud. Das Motto der Leute, denen ich mich schliesslich anschloss und deren Lebensstil ich annahm, lautete: „ Wir sind die Leute vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben!“

Ja! Im Vergleich zu dem, was Menschen mit „echten Traumata“ mitgemacht haben, zum Beispiel in Kriegsgebieten, komme ich mir manchmal lächerlich vor. Von aussen betrachtet hatte ich eine schöne Kindheit mit allem, was man sich wünschen kann, und bestimmt gab es schöne Momente. Und doch habe ich mich abgewertet gefühlt, psychisch misshandelt, unverstanden. Das Schlimmste an den aus meiner Sicht unbegründeten körperlichen Bestrafungen war nicht der doch erträgliche Schmerz, sondern der Vertrauensbruch durch die einzigen zwei Menschen, die mir von meiner Familie geblieben waren.

Rückblickend wird mir klar, dass ich 10 Jahre gebraucht habe, um meine Kindheitserlebnisse zu begreifen und zu verarbeiten, weitere 10 Jahre, um meine Eltern zu verstehen und ihnen zu verzeihen. Erst dann war ich wirklich in der Lage zu verstehen, warum ich bin wie ich bin, die Schatten aufzuarbeiten und meine eigenen hinderlichen Denkgewohnheiten abzulegen. Heute bin ich in der Lage, stabile Beziehungen zu pflegen, und ich kann mit Stolz sagen, dass meine zweite Ehe glücklich und inzwischen von langjährigem Bestand ist. Ich habe eine recht gute Ausbildung und einen einträglichen Beruf, aber ich habe unterschwellig das traurige Gefühl, dass unter anderen Umständen wohl mehr dringelegen hätte.

Anlässlich einer beruflichen Weiterbildung bot sich mir eher zufällig die Möglichkeit für die Zusammenarbeit mit einem psychologischen Berater. Ich erkannte auf einen Schlag, dass es Methoden und Möglichkeiten gibt, seelische Belastungen, die ihren Ursprung in Erlebnissen und Prägungen in der Vergangenheit haben, gezielt aufzuarbeiten. Nach einer ganzen Handvoll „Aha“-Erlebnissen erlernte ich sodann das Autogene Training nach J. H. Schultz und bin auch heute immer wieder überrascht über die Wirksamkeit dieser im Grunde einfachen Technik. Jetzt, da ich mich selbst besser kennen gelernt habe, kann ich meine Fähigkeiten und Neigungen bewusster nutzen und bin dabei, mich mit viel frischem Elan beruflich komplett neu zu orientieren – und das mit fast fünfzig.

Eine kürzliche Begebenheit hat mir Anlass gegeben, zu bereuen, nicht schon viel früher eine ganz simple Gesprächstherapie in Anspruch genommen zu haben. Eine sehr sympathische und mir vorgesetzte Arbeitskollegin, die nicht nur im selben Sternzeichen wie ich geboren, sondern mir auch sonst sehr ähnlich ist, hat mir beiläufig von ihrem Werdegang erzählt. Sie kommt auch aus einem anderen Land, hat studiert, die Welt bereist, spricht heute vier Sprachen fliessend, hat einen interessanten und verantwortungsvollen Job und wohnt zusammen mit Mann und Kindern in einem grosszügigen Haus. Sie und ihr Mann verdienen überdurchschnittlich gut, die weitverzweigte Verwandtschaft ist regelmässig zu Besuch, sie hat viele gute Freunde, pflegt lockere Bekanntschaften mit einer enormen Anzahl Leute in der ganzen Welt und ist regelmässig an soziale Anlässe eingeladen.

Hätte ich mich früher um Hilfe bemüht, hätte es mich wahrscheinlich nicht 20 Jahre gekostet, mit mir ins Reine zu kommen, und ich könnte heute auf einen ähnlichen Werdegang zurückblicken. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ich die Erlebnisse und Erfahrungen aus meinem bisherigen Leben als Ressourcen in neue Aufgaben einfliessen lassen kann, was mich natürlich freut, mir eine gewisse Befriedigung und auch viel Auftrieb gibt. Trotzdem empfehle ich jedem, der Ähnliches erlebt hat, eine Beratung oder ein  Coaching.